Computerjockey
Stories aus der Computerwelt und drumherum...
 

minpic01.jpg

Illustration: Michael Thiele, Dortmund

Scott W. Stevenson

Die Ratte

Markus hasste die Ratte. Die Ratte war zum ersten Mal vor zwei Monaten im Fachbereich der Informatik aufgefallen, als sie das Telefonkabel eines Anrufbeantworters durchnagte. Zuerst konnte sich niemand so richtig vorstellen, dass es wirklich eine Ratte sein sollte, denn die meisten der Hiwis, Lehrbeauftragten und Professoren kamen aus zu gehobenen Schichten, als dass sie jemals in ihrem Leben eine Ratte gesehen hätten. Markus nicht. Markus wusste, dass es eine Ratte war.

"Dann fangen Sie das Biest", hatte Professor Maragus gesagt.

"Wozu bezahlen wir Sie."

"Ich bin Systemadministrator."

Maragus, der unter seinem karierten Hemd weder Muskeln noch Fett auf seinem Skelett trug, schob mit zwei Fingern seine Brille wieder die Nase hoch.

"Richtig, Schiermann. Sie sind Systemadministrator. Sie sind hier, um unser Kommunikationsnetz am Leben zu erhalten, damit wir es nicht machen müssen, auch wenn wir es könnten. Wir sind hier, um wissenschaftlich zu arbeiten. Wir können nicht arbeiten, wenn uns eine Maus die Kabel anknabbert. Ist da noch etwas unklar?"

Es ist eine Ratte, dachte sich Markus. "Nein, Professor Maragus", sagte er.

Aber die Ratte ließ sich nicht fangen. Sie knabberte hier ein Tastaturkabel an und dort einen Ethernet-Anschluss, zerschredderte die Packungen von Farbbändern und hinterließ trockene, schwarze Köttel, die erstaunlich geruchsfrei waren. Dafür setzte sich in den Mauspads der Duft von Rattenurin fest. Nach einem weiteren Monat hatte immer noch keiner die Ratte wirklich gesehen, nur ihre Spuren.

"Wissen Sie eigentlich, wie viel ihre Maus unseren Fachbereich an Gerätemitteln kostet?", fragte ihn Maragus auf dem Flur. Vier Studenten bildeten um ihn einen Halbkreis der Aufmerksamkeit.

Eigentlich nicht viel, wusste Markus. Das Tier hatte es bisher vermieden, irgendwelche Kabel mit starken Strömen anzufallen, und an noch mehr Orten war zwar die Kunststoffummantelung verschwunden, aber der Leiter selbst war unverletzt geblieben. Aus früheren Tagen, als die Uni noch wirklich Geld und doppelt so viele Studenten gehabt hatte, war noch jede Menge an solchem Kleinzeugs übrig geblieben.

"Unsere Kasse ist leer, Schiermann. Wir können uns das nicht leisten."

"Sollen wir den Kammerjäger rufen?"

"Sind Sie verrückt?" Maragus schloss kurz die Augen und drehte den Kopf von Markus weg. "Das fehlte uns noch. Dass in den Medien verbreitet wird, wir seien von Parasiten verseucht." Er schaute Markus wieder an. "Sie fangen die Maus! Dazu werden Sie wohl wenigstens in der Lage sein, oder?"

"Das ist nicht ganz so einfach ..."

"Dann gehen Sie die ganze Sache doch mal logisch an. Woher kommt die Maus? Aus dem Wald. Und was will die Maus? Essen. Wie schaffen Sie die Maus weg? Sie kaufen sich eine Falle, legen da etwas zu essen hinein, und fertig."

Der Student mit den längsten Haaren räusperte sich.

"Natürlich eine Falle, die das Tier nicht tötet", fügte Maragus hinzu. "Wir sind schließlich keine Verbrecher." Als Maragus in einer Traube von Studenten den Flur hinunterging, schüttelte er immer noch den Kopf.

Weil es die Ratte gab, musste Markus dauernd unter den Tischen der Terminalräume und hinter den alten Großrechnern herumkriechen. Weil die Ratte gefräßig war, musste er auf Händen und Knien neue Kabel durch die Bodenschächte verlegen. Wenigstens war schnell klar, wie die Ratte von einem Raum zum anderen kam: Das Gebäude der Informatiker war in den späten 90ern gebaut worden, und man hatte die Kabelschächte unter den Fußboden gelegt.

"Ein eigenes kleines Tunnelsystem", erklärte er Maragus. Die Falle, die eine Ratte nur fangen, aber nicht töten würde, war leer geblieben. Markus hatte gewusst, dass es nicht funktionieren würde. Ratten hatten zwar ein kleines Gehirn, aber es leistete mehr als das einiger Menschen.

"Und da können Sie nicht hinterherklettern?"

"Nein. Der Rohrdurchmesser beträgt weniger als 20 Zentimeter."

"Gut. Dann schaffen Sie die wichtigsten Geräte in Saal 52. Dort sind sie sicher."

"Wieso ...?"

"Wissen Sie, wie wir Saal 52 genannt haben, bevor alles vor die Hunde ging?"

"Nein."

"Den Faraday-Raum. Sagt Ihnen das was, Schiermann?"

"Ein Physiker, der ..., nun ..."

"Der Raum gehörte früher zur Kryptographie-Abteilung. Vor allem: er hat keine Kabelschächte. Ihre Maus wird sich nicht durch die Wände graben können, außer, sie kommt durch Stahlplatten und Kupferdrahtnetze."

"Ich verstehe nicht ganz ..."

"Das, Schiermann, ist der Grund, warum Sie nur Handlanger sind."

Die Ratte verursachte die bizarrsten Meldungen über Server-Ausfälle, die er erst stundenlang von seinem Terminal aus zu beheben versuchte, nur um festzustellen, dass etwas die Isolierung der Netzwerkstecker zernagt hatte. Weil die Ratte überall sein konnte, außer im Faraday-Raum, musste Markus achtzehn schrankgroße Silicon-Empire-Rechner dorthin schieben und sie komplett neu verdrahten. Weil die Ratte keine Ruhe gab, schob er zwei Wochen lang Überstunden, um ein zusätzliches Backup-System zu installieren. Früher, dachte er, hätte man einfach einige der Kabelschächte mit Gift ausgelegt, und dann wäre der Fall erledigt gewesen. Früher hätten sie einfach den Kammerjäger gerufen.

Markus war 42 Jahre alt. Nach dem Gymnasium hatte er nicht studiert, sondern seine Ausbildung zum MATA, zum Mathematisch-Technischen Assistenten gemacht. Damals hatte er nicht gewusst, dass er um die Administrationsjobs mit Leuten würde konkurrieren müssen, die ein abgeschlossenes Informatikstudium hatten. Er hatte nicht gewusst, dass sein Gehalt so niedrig sein würde, dass er damit keine Familie ernähren konnte. Seine Frau hatte nicht gewusst, dass die Pille nicht bei ihr wirkte. Ein Kind konnten sie mit ihren beiden Gehältern gerade noch durchbringen. Drei waren ein täglicher Albtraum in einer Gesellschaft, die ein Kind pro Familie vorschrieb.

In einem Jahr würde Markus lange genug an der Uni gearbeitet haben, um unkündbar zu sein und wenigstens etwas mehr Geld zu bekommen. Bis dahin musste er Maragus jeden Körperteil küssen, den der ihm bot.

Was er am allerwenigsten noch in seinem Leben brauchte, war eine Ratte.

Sie spüren die Magnetfelder", sagte die Veterinärin des Tierlabors. "Deswegen gehen sie nicht auf die wirklich starken Kabel los, die sie töten würden."

Das zentrale Tierlabor der Universität im Keller des Nachbargebäudes bestand aus Dutzenden verlassener Hallen und Räume. Licht brannte nur in einem Raum, wo eine Frau im weißen Kittel an einem Schreibtisch saß, der gegen eine gekachelte Wand geschoben war. Hinter ihr auf einem Tisch standen Käfige mit Hasen. Es roch nach Tier. An der Wand war ein vergilbter Zeitungsausschnitt mit Klebestreifen angeheftet, über irgendeine Auszeichnung für hervorragende Laborzucht.

"Und warum überhaupt Kabel?"

"Nicht die Kabel. Die Isolierung. Es schmeckt ihnen. Die neueren Sorten, die biologisch abbaubaren, können sie sogar verdauen. Welche Farbe hat die Ratte?"

"Keine Ahnung. Wir haben sie noch nicht gesehen." Auf dem Computer der Frau sah er ein angefangenes Solitär-Spiel. Markus hatte noch nie einen so hohen Highscore gesehen.

"Naturratten sind braun, Nachkommen von Laborratten weiß oder weiß mit einem braunen Rückenstreifen."

"Ist das eine unserer Ratten?"

Die Frau lachte bitter. Sie hatte sich ihm nicht vorgestellt und trug auch keine Namensplakette. "Hier hat es seit vier Jahren keine Ratte mehr gegeben. Ich pflege die Rentner hinter mir. Ansonsten wurden wir doch dichtgemacht."

"Und was soll ich jetzt machen?"

"Bei der jetzigen Gesetzeslage? Zwei Jahre warten."

"Bitte?"

"Ratten, die von Laborraten abstammen, leben im Schnitt zwei oder drei Jahre, bevor sie sterben. Sie haben eine höhere Tumoranfälligkeit."

"Warum denn das?"

"Was glauben Sie wohl? Weil wir es ihnen angezüchtet haben."

Als er wieder in sein Büro zurückkehrte, hatte die Ratte eine Ecke aus seiner Butterbrotdose gebissen. Weit war sie nicht gekommen, aber er hatte keine andere. Du Scheißviech, dachte Markus, das ist mein Käsebrot. Dich kriege ich. Er steckte die Dose in seine Jackentasche. Wenn er Wachspapier benutzt hätte, wäre sein Mittagessen futsch gewesen. Aber die Dose war antik, aus Kunststoffen, die nicht mehr hergestellt wurden. Er hatte sie gekauft, als er gerade mit seiner Ausbildung begann, als er noch dachte, dass er ...

"Sind Sie Herr Markus Schiermann?"

An der Tür zu seinem Büro stand ein junger Mann in Krawatte und Anzug. Er sah nach Verwaltung aus.

"Ja", sagte Markus.

"Mein Name ist Stefan Peterson, aber nennen Sie mich Steve. Ich komme von der Verwaltung." Der Mann gab Markus erst ein strahlendes Lächeln und dann seine Hand, die er ihm mit einem Ruck entgegenstreckte. Markus spürte, wie Eiswasser sein Rückgrat herunterlief.

"Wir von der Verwaltung haben in den letzten Jahren so wenig Gelegenheit gehabt, den Naturwissenschaftlern dieser Universität gute Nachrichten zu überbringen - Sie wissen ja, die Regierung. Daher war es für mich selbstverständlich, im Rahmen unseres neuen Good-Relations-Programms persönlich bei Ihnen vorbeizuschauen und die freudige Botschaft zu überreichen."

"Ah", sagte Markus.

"Sie sind nicht entlassen."

"Ich bin nicht ...?"

"Entlassen, ganz richtig. Ursprünglich wollten wir dem Antrag Ihres leitenden Professors stattgeben, aber eine Überprüfung des Personalschlüssels hat ergeben, dass die Wartungsarbeiten in den letzten Monaten so angestiegen sind, dass wir genau eine solche mindergelernte Hilfskraft wie Sie weiter hier brauchen." Er gab Markus einen freundlichen Klaps auf den Oberarm, sein Lächeln weiterhin strahlend. "Wir wissen auch, dass Sie hier mit alten Maschinen arbeiten müssen, die sehr wartungsintensiv sind. Aber bei dem Moratorium auf technische Anschaffungen haben wir leider kein Geld für neue Geräte."

"Wartungsintensiv", sagte Markus. Es war, als stünde er neben sich und beobachtete die Szene als Unbeteiligter.

"Sehr wartungsintensiv, Herr Schiermann." Stefan ,Steve` Peterson schaute auf seine Uhr. "Nun, ich muss weiter, zu den Biochemikern. Weniger gute Nachrichten, befürchte ich. Tun Sie mir den Gefallen und sagen Ihrem Professor Bescheid? Dann komm ich rechtzeitig in die Mittagspause."

"Natürlich", sagte Markus.

Was erwarten Sie eigentlich, Schiermann?" Maragus war aufgestanden, als Markus in sein Büro gekommen war. Er ließ die Hände in den Hosentaschen und spielte dort mit irgendwas. "Sie sind kein Akademiker. Sie sind zu alt. Sie machen einen Job, den wir auch machen können. Sie kosten Geld."

"Ich habe eine Familie. Ich mache gute Arbeit." Markus versuchte, nicht zu schreien.

"Sie haben Ihre Blagen selbst verschuldet. Und Sie sind zu dumm, Schiermann, um eine Maus zu fangen."

Markus konnte zum ersten Mal in seinem Leben vor Wut keine Worte finden.

"Schiermann, ich will Sie hier heraushaben. Ich weiß, dass Sie darauf hoffen, noch ein Jahr hier durchhalten zu können. Dass Sie dann fest angestellt und unkündbar sind." Er schüttelte den Kopf. "Dazu wird es nicht kommen. Ich habe keine Ahnung, warum Sie nicht gekündigt wurden. Aber ich werde nächstes Jahr wieder einen Antrag stellen. Und dann sind Sie hier weg."

Markus steuerte auf kürzestem Wege die Toiletten an, schloss sich ein und schlug gegen die Wand, bis die Unterseite seiner Faust dumpf pochte. Dann setzte er sich auf den geschlossenen Deckel und hielt seinen Kopf lange in den Händen vergraben.

Eine Stunde später stand er in Saal 52. Der Raum hatte eine katastrophale Lüftung, die Klimaanlage war kaum in der Lage, die von den Rechnern erzeugte Wärmemenge zu neutralisieren. Wenn jetzt einer der Computer ausfiel, konnte Maragus ihn doch noch feuern.

Wenn er noch das eine Jahr durchhalten könnte, dachte Markus, nur ein Jahr. In einem Jahr war seine älteste Tochter mit dem Studium fertig. In einem Jahr hatte seine jüngste Anspruch auf einen Hortplatz. In einem Jahr war er unkündbar und Maragus konnte ihm den Buckel herunterrutschen. Er musste irgendwie dieses eine Jahr ...

Der Schraubenzieher, mit dem er die Verkleidung eines Servers aufzumachen versuchte, rutschte an der ausgefransten Schraube ab und riss ihm den Handrücken auf.

"Du gottverdammtes Scheiß ..."

Auf dem Terminalschirm saß die Ratte. Sie saß auf dem Monitor und schaute ihn an.

Endlich hatte er sie in der Falle. Markus brauchte nur die Tür zu schließen. Ohne Kabelschächte und mit Stahlplatten in den Wänden konnte sie den Raum nicht verlassen. Sie war gefangen.

Die Ratte schien das auch zu wissen, aber es schien ihr nichts auszumachen. Sie war kleiner, als er erwartet hatte. Sie war weiß, mit einem braunen Streifen, der an ihrer Wirbelsäule entlang herunterlief, die Augen völlig dunkel. Sie bewegte ihren Kopf nach links, nach rechts, zuckte ein- oder zweimal mit der Nase, schaute ihn nur an. Ihr Fell war stumpf. Sie war unglaublich dürr, fand Markus. Die Ratten, die er früher gesehen hatte, waren dick und feist gewesen. Sie schien gar nicht weglaufen zu können. Selbst wenn sie ihm jetzt wieder entwischte, würde sie niemals zwei Jahre alt werden. Lange vorher wäre sie verhungert. Markus fühlte sich auf einmal zum Erbrechen elend.

Ihm kam das Wort ,wartungsintensiv` in den Sinn. Wie der Verwaltungsfritze es ausgesprochen hatte.

Wenn man der Ratte nur etwas Unterstützung zukommen ließe, dachte Markus, nur ein klein wenig, dann würde sie ihr volles Rattenleben von zwei Jahren sicher genießen können. Das war ein menschliches Motiv, ganz im Sinne des Zeitgeistes. Und wenn sie gesund genug war, um noch fröhlich durch die Kabelschächte zu toben ...

"Ratte, was hältst du von einem Deal?"

Aus seiner Jackentasche zog er seine angeknabberte Essensdose und nahm sein Käsebrot heraus. Er legte es demonstrativ auf den Tisch, der der Tür am nächsten stand. Die Nase der Ratte schaltete einen Gang höher, sie hob sie hoch in die Luft. Markus schaute sie eindringlich an. Dann ging er so normal wie er nur konnte in sein Büro.

Zwei Minuten später flitzte etwas kleines, weißes durch die Tür und verschwand mit einem goldgelben Rechteck hinter seinem Schrank. Dann hörte er kleine Pfotengeräusche unter dem Fußboden, die sich schnell fortbewegten. Markus lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schaute nachdenklich auf die Butterbrotdose mit der angeknabberten Ecke, die Dose, die nicht mehr hergestellt wurde und die fast schon Geld wert war. Die Dose, die nicht biologisch abbaubar war. Er warf sie in den Mülleimer, so hart er nur konnte. Er hatte jede Menge Wachspapier zu Hause, dachte er.

Genug jedenfalls für die nächsten zwei Jahre.

  Top
Letzte Änderung an dieser Datei: 30 Jul 2010 06:53     © 2002 Computerjockey